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Europas Fußball-Finals: Wie fit sind Bayern, Madrid, Liverpool und Co.?

05 Aug | BY Oliver Knoch | MIN READ TIME |
Europas Fußball-Finals: Wie fit sind Bayern, Madrid, Liverpool und Co.?

Saisonunterbrechung, Trainingsausfall, Geisterspiele, Turniere statt Ligabetrieb – Europas Fußballvereine stehen aktuell vor großen Herausforderungen. Professor Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule erklärt, wie man von den Umständen profitieren kann.

Leon Goretzka schaut verkniffen in die Kamera. Die Sonne blendet ihn, der Schweiß rinnt in seine Augen. Alphonso Davies beißt die Zähne zusammen, Thomas Müller lässt sich mit Sonnenbrille und Kappe nichts anmerken. Während der Saisonunterbrechung hat der FC Bayern München ein Video seines „Cyber Trainings“ ins Netz gestellt. Unter Anleitung ihres Fitness-Leiters Prof. Dr. Holger Broich und Coach Peter Schlösser schuften die Bayern-Profis per Videochat verbunden für ihre Kondition. Jeder für sich, aber alle zusammen.

Die Bayern müssen dabei etwas sehr richtig gemacht haben. Denn nach Wiederanpfiff der Bundesliga-Saison Mitte Mai dominierten sie ihre Gegner, gewannen ihre achte Meisterschaft in Folge und anschließend auch das DFB-Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen. In der Endrunde der Champions League trifft das Team von Trainer Hansi Flick im Achtelfinal-Rückspiel am 8. August auf den FC Chelsea {ODDS:581725219:1.36}. Trotzdem führt Professor Daniel Memmert den Erfolg der Bayern nicht in erster Linie auf das Konditionstraining zurück – sondern auch auf die Erholung durch die Pause, die vor allem den Top-Klubs zugutekam. „Man hat gesehen, dass es deutlich weniger Verletzungen gab. Die extreme Dreifachbelastung gerade für die großen Vereine fiel ja weg. Das war nicht nur für den Körper, sondern besonders auch für den Kopf wichtig“, so der geschäftsführende Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln im Gespräch mit Betway Sportwetten. Memmert, der 2019 das Buch „Fußballspiele werden im Kopf entschieden“ vorgelegt hat, weist auf den enormen Einfluss der mentalen Frische hin: „Das Taktische, das Kognitive, der Kopf spielt eine ganz zentrale Rolle. Körperlich ist jede Drittligamannschaft schon einigermaßen fit.“ Das Stichwort lautet „Load Management“, also die Steuerung der allgemeinen Belastung der Spieler. Memmert: „Das muss man breiter fassen als nur auf die Athletik. Auch andere, zum Beispiel soziale Einflüsse, denen die Spieler in ihrem Umfeld ausgesetzt sind, gilt es zu bedenken. Das muss individuell gesteuert werden.“

Trainingssteuerung in Qualitätsstufen

Die Trainingslehre weist seit jeher auf die richtige Abstimmung von Belastung und Regeneration hin, um ideale Leistungen zu erreichen. Schon Gero Bisanz, langjähriger Fußballtrainer und Ausbilder des DFB, hat in seinem Buch „Periodisierung im Fußballtraining“ 1985 das Sportjahr in verschiedene Vorbereitungsphasen aufgeteilt. Doch was, wenn diese Zyklen durch äußere Umstände massiv gestört werden? „Fakt ist, dass Topform nicht konstant konserviert werden kann“, so Memmert. {QUOTE}Während die englischen, spanischen und italienischen Mannschaften noch bis Ende Juli in ihren Ligen aktiv waren und quasi ohne Pause in die Finals der UEFA gehen, hatten Bayern München und RB Leipzig jetzt erneut einige Wochen Wettkampfpause. „Pausen sind wichtig. Das kann durchaus ein Vorteil sein“, sagt Memmert. Paris Saint Germain hingegen hatte seit März nur ein Punktspiel: den 1:0 Sieg im Finale des französischen Pokals gegen die AS St. Etienne am 22. Juli. „Für Paris ist es definitiv ein Nachteil. Ihnen fehlt die Praxis“, urteilt der DSHS-Experte und erklärt weiter: „Es gibt verschiedene Qualitätsstufen, nach denen man die Trainingssteuerung aufbauen kann. Stufe eins geht auch zu Hause, dann ist der Spieler quasi sein eigener Trainer.“ Dann kämen in Stufe zwei und drei verschiedene Passformationen oder Abschlusssituationen mit Torwart – noch ohne Zweikämpfe. „Aber selbst dabei muss man engen Kontakt zum Gegenspieler haben. Das ist wichtig. Man muss wahrnehmen, schnell reagieren. Da geht es um Aufmerksamkeit, Intelligenz und Kreativität. Das macht schon noch mal einen dramatischen Unterschied zu dem einfachen Ablauf, den man alleine oder zu zweit vornimmt.“ Das bestätigten auch die Coaches der Bundesliga wie Frankfurts Adi Hütter: „Die Spieler brauchen den körperlichen Kontakt“. Die vierte Stufe ist dann das Zielspiel elf gegen elf, wo alles noch schneller und komplexer wird – erst recht unter Wettkampfbedingungen. „Deshalb kommt es einem Team zugute, wenn es in einem Wettkampfrhythmus ist.“ Weiterer Nachteil für Paris in der Champions League: Die ungewohnte Situation, vor einer Geisterkulisse zu spielen.

Geisterspiele nutzen den Auswärtsteams

Daniel Memmert hat mit seinem Institut die 162 Geisterspiele der 1. und 2. Bundesliga analysiert. Spannend ist vor allem das Verhältnis von Treffern der Heimmannschaften zu auswärts erzielten Toren, also die Frage nach dem Heimvorteil. Bei den großen europäischen Ligen liegt dieser Quotient (Anzahl Heimtore geteilt durch Anzahl Auswärtstore) normalerweise bei 1,35. Das Heimteam schießt also durchschnittlich 0,35 Tore mehr als die Auswärtsmannschaft. „Diesen Wert haben wir auch schon für über 10.000 Spiele aus den deutschen Kreisklassen errechnet. Das sind Begegnungen, in denen vor einer Handvoll Zuschauer das eine Dorf gegen das andere antritt. Es handelt sich quasi um Geisterkulissen, und Anfahrtsstrapazen gibt es auch keine. Das Verhältnis dort war 1,2“, so Memmert. Der Heimvorteil ist also deutlich geringer als bei den Profis. Bei den Geisterspielen der beiden Bundesligen lag der Wert nun bei nur noch 1,13 – der Heimvorteil schwindet also ohne Publikum! „Das hat uns überrascht. Wir dachten bislang, dass der Heimvorteil eher mit dem gewohnten Umfeld der Gastgeber als mit den Zuschauern zu tun hat.“

Auch die Statistik-Seite „StatsBomb“ hat sich die Daten der Bundesliga-Geisterspiele angeschaut: 37 der 82 Erstligapartien nach der Unterbrechung wurden durch die Auswärtsmannschaft gewonnen. 9 Mal gewann der Außenseiter, sprich der in der Tabelle schlechter positionierte Verein. Zum Vergleich: In den 80 Partien vor der Pause gab es nur 27 Auswärtssiege, davon 5 durch Underdogs. Außerdem sank die defensive Intensität der Mannschaften. Die durchschnittliche Anzahl an Pressingaktionen in der gegnerischen Hälfte pro Team während einer Partie fiel von 77,4 auf 66,4. Pressing meint das Anrennen des ballführenden, gegnerischen Spielers, um einen kontrollierten Angriff frühzeitig zu unterbrechen. Gegenpressingaktionen – also das blitzschnelle Umschalten nach Ballverlust vom eigenen Angriff in eine Pressingsituation – nahmen auf dem gesamten Feld ebenso ab. Sie sanken von 35,3 auf 30,2 pro Team und Partie. Borussia Mönchenglabdach wurde dabei zum Spitzenreiter in dieser Kategorie, während Dortmund oder Wolfsburg deutlich weniger direkte Rückgewinnungsversuche unternahmen als noch vor der Pause. Allerdings blieb die durchschnittliche Verteidigungsdistanz – also der Abstand vom eigenen Tor, in welcher Defensivaktionen durchgeführt wurden – nahezu gleich. Die Mannschaften standen also nicht tiefer, sie spielten nur ein weniger konsequentes Pressing. Eine Frage der Motivation? Möglich, doch ob diese wegen der fehlenden Fans geringer oder einfach der Tatsache geschuldet war, dass es für viele Mannschaften im Mittelfeld um nichts mehr ging, bleibt unbeantwortet. Auf die Anzahl der Tore in der Bundesliga hatten die Geisterkulissen übrigens einen leicht negativen Einfluss: Statt 29 Treffern pro Spieltag in den neun Runden vor der Unterbrechung fielen danach nur noch 27,9 Tore.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass wahrscheinlich jene Mannschaften in den Finals von Europa League und Champions League die besten Chancen haben, die trotz eines stillen Stadions genügend Eigenmotivation aufbringen, um die Extrameter in der Verteidigung zu laufen – auch dann, wenn die Beine in der 85. Minute schon brennen. Erfahrungsgemäß sind das meist die Teams, die erfolgreich aus der Krise hervorgegangen sind und einen gesunden Zusammenhalt untereinander pflegen. Oder wie Sepp Herberger schon 1954 sagte: „11 Freunde sollt ihr sein.“ Schaut man sich das engagierte Cyber-Training von Bayern München an, könnte es vielleicht etwas werden mit dem Triple in der Saison 2019/2020.

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Daniel Memmert ist geschäftsführender Institutsleiter und Professor am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft, in der Sportpsychologie, sowie in der Sportinformatik. Sein Institut kooperiert mit verschiedenen Fußball-Bundesligisten, der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft sowie DAX-Unternehmen und organisiert den ersten internationalen Weiterbildungs-Masterstudiengang „Spielanalyse“.

 

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Oliver Knoch

Oliver Knoch

Vielseitiger Sportwissenschaftler mit ausgeprägter Liebe zum Ballsport. Fühlt sich aber auch in mancher Trendsportart zuhause.

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