media Auch nach der Ära Dirk Nowitzki sind deutsche Spieler in der NBA gefragt. Vor dem Restart der NBA-Saison am 30. Juli sprach Betway Sportwetten mit dem Basketball-Experten André „Dré“ Voigt über Schröder, Theis & Co.:

Dré, bis zu dieser Saison bedeutete „Deutsche Spieler in der NBA“ vor allem „Dirk Nowitzki“. Fandest Du es komisch, die Dallas Mavericks ohne ihn zu sehen?

Dré Voigt: Irgendwie ist es gar nicht komisch. Immer, wenn ich ihn in Dallas interviewt habe, habe ich mir gesagt: Irgendwann musst du mal das Kennedy Museum besuchen. Das wollte ich mir für das Jahr aufheben, in dem er aufhört. Nach dem Interview im letzten Jahr bin ich direkt ins Hotel gegangen und habe mir ein Ticket für die Tour am nächsten Morgen geholt. Ich finde es nicht seltsam, die Mavericks ohne Nowitzki zu sehen, weil es für ihn einfach an der Zeit war. Die Saison davor ist wegen der Verletzung schon unheimlich schwer für ihn gewesen. Nach der Operation im Sommer hat es ihm dann einfach keinen Spaß mehr gemacht, weil er Schmerzen im Fuß hatte. Aber in 20 Jahren Dallas hat er alles abgehakt, was man abhaken kann in einer Karriere.

Auch ohne Star auf Nowitzki-Niveau – wie viel Spaß hat Dir die NBA 2019/2020 aus deutscher Sicht gemacht?

Niemand, der jetzt nachkommt, ist der neue Nowitziki. Aber man muss auch ganz klar sagen: Diese Schwarzmalerei, dass nach Nowitzki ganz harte Zeiten auf den deutschen Basketball zukommen, war rückblickend Blödsinn. Der Effekt, den er auf die nächste Generation hatte, brauchte halt Zeit, um sich durch die Jugendnationalmannschaften zu manifestieren. Heute haben wir sechs Deutsche in der NBA. Das ist ein Testament dafür, wie inspirierend er war, und wie sich auch die Jugendarbeit in Deutschland verbessert hat. In den nächsten drei, vier Jahren werden wir sicher noch mal fünf Deutsche in der NBA begrüßen.

Welcher der Deutschen, die aktuell in der NBA aktiv sind, spielt denn Deiner Meinung nach die wichtigste Rolle in seinem Team?

Das ist klar: Dennis Schröder. Die Situation bei den Oklahoma City Thunder war nicht ganz leicht für ihn. Er kommt als sechster Mann, mit Chris Paul als einem der besten Pointguards aller Zeiten und Shai Gilgeous-Alexander, wahrscheinlich dem Aufbauspieler der Zukunft, auf seiner Position. Man konnte befürchten, dass Schröder das fünfte Rad am Wagen ist. Aber er hat die Situation unglaublich gut angenommen.

Ist er für Dich ein Kandidat für den Sixth Man of the Year Award?

Wenn die NBA ihre Awards vergibt, dann wäre er für mich der beste sechste Mann der Liga. Weil er eine unfassbar gute Rolle gespielt hat, weil er sich in vielen Bereichen sehr verbessert hat, vor allem in der Defensive. Er hat großen Einfluss auf die Mannschaft, er steht am Ende von Spielen auf dem Feld, und OKC gewinnt diese Spiele.

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Die beste Bilanz der Deutschen hatte bis zur Unterbrechung aber Daniel Theis mit den Boston Celtics. Welchen Anteil hatte der Center an der bis dahin starken Saison?

Daniel Theis hat sich in diesem Jahr extrem gut gemacht. Schon im vergangenen Jahr wurde er teilweise unterschätzt, aber seit Al Horford weg ist, hat er sich auf der 5 etabliert. Er stellt viele Blöcke für seine Kollegen. Wenn es darum geht, seinen Mitspielern Platz zu verschaffen, hat er einen unglaublichen Variantenreichtum. Das hat er in den letzten eineinhalb Jahren zur Kunstform erhoben. Seine eigene Offensive hat er vielleicht ein bisschen hintenanstellen müssen, aber er hatte auch Monate, in denen er sehr gut getroffen hat. Ich freue mich, ihn in den Playoffs zu sehen. Boston ist sicher auch ein Geheimfavorit im Osten.

Ebenfalls auf Playoff-Kurs ist Maxi Kleber mit den Mavericks. Was gibt er seinem Team?

Bei Maxi Kleber kommt ein bisschen erschwerend hinzu, dass Coach Rick Carlisle das Line-up und die Rotation gerne mal aus dem Bauch heraus verändert. Manchmal ist Kleber der Nutznießer, weil er sehr viel spielt und startet, und manchmal eben nicht, weil er dann ein bisschen hinten runterfällt. Aber was er macht, ist richtig, richtig gut. Das zeigen alle seine Statistiken. Besonders die Dreierquote ist das erste Mal auf einem hohen Niveau bei einem hohen Volumen. Dazu ist er ist ein überragender Verteidiger. An großen Rollenspielern, die verteidigen und den Dreier treffen, gibt es nicht viele bessere in der NBA.

In Washington sind gleich zwei Deutsche am Ball. Hat Moritz Wagner und Isaac Bonga der Schritt aus dem Rampenlicht in Los Angeles zu den Wizards gutgetan?

Ich glaube, das Rampenlicht ist gar nicht das Problem gewesen. Beide waren ja Rookies. Aber bei den Los Angeles Lakers wollte man auf Biegen und Brechen gewinnen. Selbst als nach LeBron James‘ Verletzung klar war, dass man die Playoffs verpassen würde, hat man die Youngster und vor allem Mo Wagner – Bonga hat viel in der G-League gespielt – nie wirklich eingesetzt. Was niemand verstanden hat, denn Mo hatte Spiele, in denen er Punkte gemacht, gereboundet und Dreier getroffen hat. Der Trade nach Washington war natürlich gut für beide. Leider hat sich Wagner verletzt und kam danach offensiv nicht mehr so in Tritt.

Und Isaac Bonga?

Er war die große Überraschung unter den Deutschen. Er durfte von Anfang an starten. Sicherlich hatten die Wizards auch Verletzungsprobleme, aber trotzdem muss man sich diesen Job erst mal erarbeiten. Bonga ist ein Verteidiger mit großartigem Potenzial. Bei ihm hängt es ein bisschen daran, was er dir im Angriff geben kann. Da wird er sicherlich besser werden. Er ist ja auch erst 20 Jahre alt. In der G-League hat er schon gezeigt, dass er offensiv funktionieren kann. In ihm steckt von all den Deutschen, die wir in der NBA haben, das größte Potenzial. Auf Bonga können wir uns in den nächsten Jahren alle noch freuen.

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In der NBA haben wir Isaiah Hartenstein zuletzt kaum noch auf dem Feld gesehen, dafür mischt er die G-League auf. Ist er bei den Houston Rockets einfach in der falschen Franchise?

So kann man es ganz passend umschreiben. Coach Mike D’Antoni hat seine Affinität zu kleineren Aufstellungen auf die Spitze getrieben, indem er komplett ohne Center spielen lässt. Hartenstein bekommt Spielzeit in der G-League. Dafür ist er aber einfach zu gut. Im vergangenen Jahr war er dort Meister und MVP der Finalserie. Bei ihm wird es darauf ankommen, dass er in einer Mannschaft landet, die einen hart arbeitenden, athletischen, großen Spieler sucht. Wie so oft im Profisport – und gerade in der NBA – braucht man Talent und Chance. Talent hat er, und die Chance bekommt er hoffentlich in einem Team, das ein bisschen konventionelleren Basketball spielt.

Welchem der deutschen NBA-Spieler traust Du zeitnah den nächsten großen Entwicklungsschritt zu?

Bei der jetzigen Situation erwarte ich den größten Fortschritt bei Mo Wagner. Oder bei Isaiah Hartenstein, falls er ein neues Team bekommt.

Die Saison 2019/2020 wird nun ab dem 30. Juli in Disney World in Orlando (Florida) zu Ende gespielt. Wie fällt dein Fazit bis hierhin aus?

Eine positive Überraschung waren auf jeden Fall die Memphis Grizzlies. Die haben mit Ja Morant, vermutlich dem Rookie des Jahres, um die Playoffs mitgespielt. Oder auch die Miami Heat, die mit Jimmy Butler einen Star geholt und mit Bam Adebayo, Duncan Robinson oder Tyler Herro andere Stars selbst entwickelt haben. Ein bisschen enttäuscht sein kann man von Portland, von San Antonio, von Minnesota oder von Golden State, die aber viel Verletzungspech hatten. Ich würde aber eher auf die Spitze schauen. Im Westen standen beide Teams aus L.A. zuletzt da, wo man sie erwartet hat. Im Osten ist Milwaukee vorneweg gelaufen, aber auch Toronto war richtig gut, Boston hat sich nach Kyrie Irving gefangen. Insgesamt ist es an der Spitze eine sehr enge Geschichte. Es kann noch einige Überraschungen geben.

Zur Person:

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André „Dré“ Voigt ist Chefredakteur des von ihm gegründeten Basketballmagazins FIVE, Buchautor sowie Talkmaster von Got Nexxt, dem meistgehörten Basketball-Podcast Deutschlands. Außerdem ist er beim Sport-Streaming-Dienst „DAZN“ als Kommentator und NBA-Experte tätig. Als Spieler dribbelte sich der 1,97 Meter große Wolfsburger einstmals bis in die 2. Bundesliga.

 

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