Es ist die Halbzeitshow des Super Bowls XXVI am 26. Januar 1992.

Gloria Estefan performt gerade das Finale einer Show mit Tänzern, Blaskapelle und zwei ehemaligen Olympiasiegern im Schlittschuh.

Zur selben Zeit nehmen die Menschen in Amerika eine Toilettenpause, holen sich Bier oder – ein Desaster für CBS, den Sender des Super Bowls – wechseln den Fernsehkanal. 17 Millionen TV-Zuschauer kehren der Halbzeitshow den Rücken zu und schauen stattdessen eine Sketch Comedy Episode von In Living Colour auf dem Konkurrenzsender Fox.

Es war eine Katastrophe für die Super Bowl Veranstalter, die daraufhin auf nahezu aggressive Art und Weise den größten Pop-Stars der Welt, Michael Jackson, engagierten, um die Quoten im nächsten Jahr zu verbessern.

Der Plan ging auf.

Der Auftritt des King of Pops 1993 zog eine TV-Schar von 91 Millionen Zuschauern vor die Fernseher – die zweithöchste Zuschauerzahl der Super Bowl Geschichte und 12 Millionen mehr als im vorherigen Jahr. Tatsächlich stiegen die Zuschauerquoten zwischen den beiden Halbzeiten zum aller ersten Mal überhaupt.

Konzertartige Bühnenshows mit globalen Superstars beim Super Bowl zu veranstalten, zahlt sich seither für die Organisatoren und Performer aus.

Die amerikanische Zuschauerzahl beim Super Bowl ist nicht mehr unter 83 Millionen gerutscht, während die Stars, die dort auftraten, einen Boost für ihr Image und ihre Verkäufe verzeichnen konnten.

Mittlerweile erzielt die Halbzeitshow ein so hohes Interesse, dass sie nahezu genauso viel Aufmerksamkeit erntet wie das Spiel an sich – mit Sportwetten für den ersten Song, die Anzahl der Kostümwechsel und mögliche Gast-Auftritte.

Doch in den letzten Jahren stehen die Veranstalter einem neuen Problem gegenüber: Superstars für sich zu gewinnen.

Die Gründe dafür sind kompliziert, doch können zurückgeführt werden auf die Verbannung des ehemaligen San Francisco 49er Quarterbacks Colin Kaerpernick, der sich aus Gründen politischen Protests weigerte, sich bei der National Hymne vor den Spielen in der Saison 2016 zu erheben.

Jay-Z schlug die Gelegenheit aus, 2018 aufzutreten – aus Solidarität mit Kaepernick. Weitere Stars wollten 2019 nicht performen, unter anderem Rihanna, Pink und Cardi B.

Nun haben die Veranstalter als Headliner Maroon 5 engagiert, mit einem Gast-Auftritt von Travis Scott - der für sein Auftreten eine 500.000 Dollar Spende für Charity-Zwecke einforderte – und OutKast-Mitglied Big Boi.

Wie sich nun erstmals seit 25 Jahren herausstellt, ist die Super Bowl Halbzeitshow – einst angesehen als eine einzigartige Chance im Leben eines Künstlers – in den Augen einiger Stars nicht mehr ihre Zeit wert.

Kaum zu glauben, angesichts des großen Erfolgs, der einst mit Jacksons Auftritt 1993 begann.

Sein Album Dangerous kletterte unmittelbar nach der Performance um ganze 90 Plätze in den Billboard Charts. Sein 90-minütiges Interview bei Oprah Winfrey neun Tage später ist bis heute das TV-Interview mit den höchsten Einschaltquoten überhaupt.

media

Tatsächlich haben nahezu alle Künstler von ihrem Aufritt beim Super Bowl profitiert.

Madonna, zum Beispiel, sah nach ihrem Auftritt 2012 einen Verkaufsanstieg ihres Best-Of Albums um 410 Prozent.

2018 wuchs der Verkauf von Lady Gagas Album und Singles um mehr als 1000 Prozent – nur einen Tag nach ihrer Super Bowl Halbzeitshow. Der Buzz dieser Performance sicherte ihr eine zweijährige Las Vegas Show im Jahr darauf.

Allerdings war die Halbzeitshow für manchen Künstler auch nicht so nett.

Das beste Beispiel dafür ist sicher der Auftritt von Janet Jackson, der als „Nipplegate“ in die Geschichtsbücher des Super Bowls eingegangen ist.

Während Justin Timberlake sicherlich genauso viel Verantwortung für den Fauxpas mit dem Kostüm trug, erntete Jackson alle Häme. Ihre Musik und Videos wurden von allen Kanälen des amerikanischen Medienkonzerns Viacom entfernt – auch bei CBS und MTW – und ihr Album, das von Kritikern gut angenommen wurde, fiel kommerziell ab.

Auch M.I.A. rutschte in der Gunst ab, als sie beim Super Bowl XLVI 2012 ihren Mittelfinger in die Kamera zeigte und später auf 16 Millionen Dollar von der NFL verklagt wurde.

Es ist der gute Ruf dieser Show, welcher trotz alledem dazu geführt hat, dass – bis vor kurzem – die Stars weiterhin gerne die Chance ergriffen, dort zu performen.

Auch die NFL selbst hat davon profitiert, große konzertartige Performances zu zeigen.

Die Zuschauerquoten steigen typischerweise in der Halbzeit, weil die Menschen einschalten, um das Spektakel zu sehen – die letzten neun Super Bowls erreichten mehr als 100 Millionen amerikanische TV-Zuschauer.

Der 30-sekündige Super Bowl Werbespot, der 1992 noch 850.000 Dollar gekostet hat, ist heute 5 Millionen Dollar wert.

Nichtsdestotrotz ist klar, dass der Fall Kaepernick der NFL geschadet hat.

Die letztjährige Halbzeitshow von Justin Timberlake, die ein posthumes Duett mit Prince beinhaltete, erreichte die niedrigste TV-Zuschauerzahl seit 2009.

Die Quoten fielen um neun Prozent im Vergleich zu 2017, als Lady Gaga performte, während der Marktanteil zum ersten Mal seit acht Jahren unter 69 Prozent fiel.

Es liegt ein gewisser Druck auf dem Super Bowl im Februar 2019 - erst recht nachdem bekannt wurde, wie viele große Namen abgesagt haben.

Eine komplette Veränderung der Halbzeitshow ist unwahrscheinlich, doch ein weiteres Jahr der fallenden Quoten könnte die NFL dazu zwingen, ihre Strategie zu überdenken, die in den letzten 25 Jahren so unglaublich erfolgreich gewesen ist.